Ach, Berlin

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Du wurdest in tausend Liedern besungen
hast nach Freiheit, nach Kunst und nach Irrwitz geklungen
rochst nach Neubeginn und Terpentin
und dein unbekannter, vertrauter Klang
war wie ein geheimnisvoller Gesang
ein nicht tot-zu-kriegender Evergreen
Ach, Berlin.

Und ich fand meine Heimat in deinen Straßen
wenn die Nächte zuweilen die Tage vergaßen
und die Sonne nachts nur noch heller schien
ich hab deine Dramen auf Bühnen gesehn
sah sie ungebrochen am Wege stehn
und so singt der Mann mit dem Tamburin:
Ach, Berlin. Ach, Berlin.

Du bist das Land der vielen Gesichter
der Philosophen, Chaoten und Dichter
ein jungenhafter Harlekin
Bist eine einzige Großbaustelle
und reitest auf jeder neuen Welle
mit ner Überdosis Heroin

Du hast deinen Himmel zugebaut
zum selber denken bist du fast zu laut
du bist die Elektropartyqueen
die Erfinderin des Firlefanz
doch auf deinen Dächern beginnt der Tanz
mit den Träumen, Visionen und dem Ruin

Du zeigst dich in allerwelts Gewänder
in deinem Wind wehen etliche Fahnen und Bänder
du bist ne notorische Sammlerin
in allen Sprachen hör ich deinen Namen
und alle, die von weither kamen
sind doch längst schon mittendrin
Oh, Berlin.

Die Suchenden zieht es in deine vier Wände
Sie zu halten, hast du kaum genug Hände
doch die meisten Herzen sind nur geliehn
du bist Rom, Lissabon und Paris in einem
du gehörst allen und dennoch keinem
ich versuch dich zu fassen und dir zu entfliehn

Deine Winter wiegen tonnenschwer
immer Schienenersatzverkehr
zwischen Betonpalästen und Benzin
doch wohin deine Kälte mich auch verjagt
immer werd ich nach dir gefragt
und deinem Namen wird Bedeutung verliehn:
Ach, Berlin?!

Und ich werfe mich wieder in deine Hände
Wer beherrscht schon jemals dein Gelände
und dein Morgen strahlt wieder wie ein Rubin
Die S-Bahn ist mein leuchtendes Schiff
und zieht mich durch Häuserreihen und Siff
wenn die Ratten in den Untergrund fliehn
Dein Bier im Blut, deinen Wahn im Sinn
pulsiert dein Rhythmus in mir drin
und fast schon hab ich dir verziehn

Musik und Gespräche im Innenhofschacht
schon wieder eine kurze Nacht
der Bäcker begrüßt mich mit „Wat wolln Sie’n?“
Ach, Berlin, wer weiß wie lang du mich noch hältst
und dir in den Lumpenpailletten gefällst
du bleibst doch nur ein ewig junger Spleen.
Ach,
Berlin.

MP2014

2 Gedanken zu „Ach, Berlin

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